Stromlinienförmige Mäkelei

Stromlinienförmige Mäkelei
© Bethany L King

Vergangenen Sonntag startete in Klagenfurt der 12. Literaturkurs. Hier haben Autoren und Autorinnen (Maximalalter 35 Jahre) bis 26. Juni die Gelegenheit, in Tutorien mit erfahrenen Kollegen ihren vorab eingereichten Text zu diskutieren. 9 Stipendiaten wurden von den Tutoren Ferdinand Schmatz, inka Parei und Frederike Kretzen aus insgesamt 130 anonymisierten Einsendungen ausgewählt – sieben von ihnen sind Absolventen bzw. besuchen Literatur-Studiengänge wie das Literaturinstitut in Leipzig oder den Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, wie der ORF Kärnten berichtet.

Während andernorts Creative Writing als selbstverständlicher Bestandteil und Möglichkeit das Schreiben als Handwerk zu erlernen und zu perfektionieren angesehen wird, tut man sich im deutschsprachigen Raum mit der Akzeptanz der literarischen Schreibschulen immer noch recht schwer. So ist im Bereich der bildenden Künste die Hochschulausbildung unhinterfragter Bestandteil, auf deren Nährboden sich dann die individuelle Künstlerpersönlichkeit entfalten kann. Derjenige, der sich hingegen einer literarischen Schreibschule anvertraut läuft jedoch unweigerlich Gefahr, sein Talent einzubüßen, stromlinienförmig über den Kamm gebürstet und schlussendlich zum Einheitsbrei-Fabrikanten zu werden. So muss man auch im ORF-Bericht auf entsprechende "Dichterfabrik"-Hinweise nicht lange warten:

"Die Erfahrung der letzten Jahre lehrte die Tutoren nämlich, dass mit der Versiertheit, die junge Autoren durch Literaturstudien erlangen, eine gewisse Nivellierung der Texte einhergeht."

Also durchwegs eher langweilig-gleichförmig dahinplätschernde Text-Qualität der Literaturkurs-Teilnehmer 08? Mitnichten, denn schon im nächsten Satz rudert man diesbezüglich zurück:

"Oft, beklagen die Juroren, fehlt es an persönlichem Ton – ein Problem, mit dem man zwar nicht heuer, aber in den letzten Jahren vermehrt zu kämpfen hatte."

… da haben die Stipendiaten von 2008 ja noch einmal Glück gehabt … und der ORF hat so trotzdem einen dankbaren, wenn auch nicht gerade aktuellen Aufhänger für seinen Artikel gefunden. Schade, dass die öffentliche Präsentation der Texte des 12. Literaturkurses am 26. Juni aus Klagenfurt nicht gesendet wird, sondern erst am Abend mit der offiziellen Eröffnung des Bachmann-Wettbewerbs die Dauerübertragung via 3sat und auch online beginnt.

Mir gefällt das Fazit recht gut, welches Josef Haslinger bereits 2000 in einem Zeit-Artikel rund um das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, "Die Penne der Poeten" zieht:

"Studenten, die drei bis vier Jahre lang ständig gefordert sind, Texte zu schreiben und den Rest der Zeit damit verbringen, eigene und fremde Texte in ihrer Kompositionsstruktur, in ihren Stilelementen und in ihrer Aussagekraft kritisch zu prüfen, müssen deshalb nicht zwangsläufig gute Schriftsteller werden. Der Schreibimpuls und die dahinter stehende eigene Lebensgeschichte lassen sich nicht einfach ersetzen. Aber sie haben am Ende ein Maß an literarischer Erfahrung gesammelt, für das sie, auf sich allein gestellt, Jahrzehnte benötigt hätten."

Ein weiterer Zeit-Artikel von 2008 widmet sich der "Konkurrenz" aus Hildesheim.


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