
Mehr als 90.000 Buch-Neuerscheinungen pro Jahr – da ist ein profunder Buchstaben-Lotse keine schlechte Idee: Seit gestern gibt es ein neues Literaturmagazin: "ZEIT Literatur". Es soll vierteljährlich erscheinen, liegt der ZEIT bei, ist aber auch separat für EUR 5,- als Zeitschrift erhältlich. Verantwortliche Redakteure über rund 100 ZEIT-Literatur-Seiten in einer Gesamtauflage von mehr als 630.000 Exemplaren sind ulrich Greiner und Florian Illies.
Mit ZEIT-Literatur habe man einen "ganz eigenen Zugang" zum "Medium Buch" gefunden – wie der aussieht, verriet Florian Illies dem Mediendienst "Kress"
"Wir haben zum einen Dank des Konzeptes von Mirko Borsche einen, wie wir finden, zeitlos eleganten optischen Auftritt, zum anderen durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Fotografen eine sehr emotionale, anschauliche Bildsprache in dem Magazin. Und natürlich zeigt sich der eigene Zugang auch darin, dass wir im Magazinteil mit Kolumnen, Interviews, Hausbesuchen, Bildstrecken die Lebendigkeit und Vielfältigkeit der Literatur auf eine neue Weise zu inszenieren versuchen."
Auf der Titelseite der Erst-Ausgabe: Ein bebrillter Hund und gleich auch schon der erste Textbeitrag. Dieser stammt von Ingo Schulze, einige Seiten später folgt zunächst in Bild und dann in Wort Orhan Pamuk, anschließend eröffnet Irisch Radisch den Rezensions-Reigen mit Darwin-Schwerpunkt. Die ZEIT-Literatur-Redaktion war äußerst fleißig: Pünktlich vor der Frankfurter Buchmesse haben sie sich durch Bücherberge gefräst, Interviews geführt, Fotostrecken produziert und eine Auswahl des Lesenswerten bzw. der Finger-Weg-Ware von Belletristik bis Sachbuch in dem neuen Magazin versammelt. Selbst die Ecken von ZEIT-Literatur hat man optisch abgerundet damit dort, klarer Fall, auch noch der ein oder andere Buch-Kürzest-Tipp Platz findet. Lauter Leseliteratur übrigens, da nimmt es der Magazin-Titel buchstabengenau, Hörbucher haben hier (noch) keinen Platz.
Und trotz der Riesenauswahl an Lesestoff: Fündig werde ich in solchen Literatur-Magazinen höchst selten, da macht auch der Neuzugang der ZEIT leider keine Ausnahme. Die über einen Stil-Kamm geschorenen Buchbesprechungen lassen die Bandbreite des versammelten Lese-Kosmos' auf Miniaturformat zusammenschrumpfen. Da werden die im gut gefüllten Anzeigenteil platzierten Buch-Klappentexte samt Mini-Statement eines namhaften Erstlesers zur wohltuenden Abwechslung. Am Schluss dann, auf Seite 100/101, eigentlich schon jenseits der persönlichen Ermattungsgrenze, dann doch noch ein Glanzpunkt: Harry Rowohlt schreibt über Harry Rowohlt, den geduldigen Helden der Magister- und Diplomarbeiten.
Damit werde ich also noch weiter warten, auf das Literatur-Magazin, das tatsächlich zu Buch-Entdeckungsreisen einlädt. Das so nett ist wie ein müßiger Streifzug durch die große Monsterbuchhandlung mit den vielen Bücherstapeln, bei denen man mal das eine oder andere zur Hand nimmt, den Waschzettel überfliegt, die erste Seite anliest, zum Autorenporträt weiterblättert … Oder, wie die de Luxe-Variante in der überschaubaren Lieblings-Buchhandlung, mit dem einen großen Büchertisch, wo der Inhaber auf geschäftigen Absätzen heranklappert, sieht, welches Buch ich gerade in der Hand halte, ein anderes vom Büchertisch herbeizaubert und sagt: "Dann müsste Dir eigentlich auch DAS gefallen …" – und es gefällt!