Ratgeberliteratur im Zwielicht
abgelegt im Archiv Sachbücher am 07.06.09

© jesse.millanAuf dieser Welt haben sich in den letzten Jahrzehnten zwar viele neue Wissenschaften gebildet, die teilweise auch gar wichtige Dinge beforscht haben - doch auf einem Gebiet gibt es nun wirklich gar nichts Neues: bei den Ratgeberbüchlein, die uns ein besseres Leben versprechen.
Im Grunde gleichen diese ratgeber wie ein Ei dem anderen: Konzentriere deine Kräfte auf die Ziele, vergeude keine Energien an Nebensächlichkeiten, teile deine Zeit besser ein, sorge dafür, dass andere für dich arbeiten, solange sie es kostenlos und ohne Murren tun. Heute kommt ein bisschen "sie nach vorn - nicht zurück" dazu, was nicht ganz zufällig dem Text einer Schnulze gleicht, und natürlich das obligatorische "denke positiv" für das man auch schreiben könnte "denke niemals wirklich, sondern grinse die Welt an und halte den Ball flach".
Wir haben für die Arbeit Zeit-Organisations-System erlernt, haben versucht, Energien optimaler zu lenken und Flaschenhälse zu vermeiden, haben Kommunikations- und Problemlösungsstrategien erlernt - und erfahren am Ende, dass es noch eine andere, letzte Wahrheit gibt: "Ach, Sie müssen nur …" seit einigen Jahren folgt dann "ihr Gehirn neu programmieren", was sich auch als "NLP" liest. Irgendwann wird auch dieses neueste Wahrheit wanken, zum Beispiel dann, wenn wieder Denker nötig sind, statt falsch programmierter Machogehirne auf Einbahnstraßen.
Ob ich mir heute einen Ratgeber kaufen würde? Sicher nicht. Besser wäre es wohl, einen zu schreiben: Mindestens hundert Machwerke können nochmals abgeschrieben werden, ein bisschen an die Zeit angepasst und mit einem neuen Titel, der die Massen bewegt: "Das Trauben-Fuchs-Prinzip", "Das Fuchs-Gans-Prinzip" oder auch "Aschenbrödels Datingwegweiser". Worte schön polieren, meine Damen und Herren Autoren - das ist wichtig - und selbstverständlich humorvoll sein, das kommt immer an. Ach ja - und immer darauf achten, dass es nicht zu sehr dem Buch gleicht, von dem man es abgeschrieben hat - das könnte Ärger geben.
Tipp: Schreiben Sie unter einem Pseudonym - sonst könnte Sie ja mal jemand fragen, warum sie keine 500.000 Euro im Jahr verdienen, wie das Buch verheißt - oder warum Sie eigentlich noch solo sind, wenn Sie doch so viel von der Partnersuche verstehen.

© jesse.millan
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Tags: Ratgeber Ratgeberliteratur Sachbuch Psychoratgeber Eheratgeber Beziehungsratgeber Lebensratgeber Sat
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