Medien-Nachlese zum Ingeborg Bachmann-Wettbewerb

Medien-Nachlese zum Ingeborg Bachmann-Wettbewerb
© doviende

Nicht nur die bachmann-Jury und Publikum waren sich in diesem Jahr einig – auch die Medien loben einhellig die Wahl des Bachmann-Preisträgers 2008. Tilman Rammstedt gewann mit einem Auszug aus seinem unveröffentlichten Roman "Der Kaiser von China" den diesjährigen Bachmann-Preis und zugleich den Publikumspreis. Ein Text, der, brillant geschrieben, äußerst humorvoll aber zugleich ebenso ernsthaft an den existentiellen Fragen rühre, so das Medien-Credo. Der Deutschlandfunk führte ein Interview mit dem Gewinner, das als als mp3-file heruntergeladen werden kann.

Und was wurde von den einzelnen Medien rund um den Bachmann-Wettbewerb noch gesondert herausgegriffen?

Unter der Überschrift "Wenn Juroren zu gern reden" bemängelt die Kölnische Rundschau eine zu große Selbstverliebtheit der Jury in die eigene Formulierung. Auch die geänderte, verschlankte dramaturgische Struktur mit dem neuen Moderator Dieter Moor, der, ebenfalls neu, auch aktiver mitwirkte, wird kritisiert. Das Fazit:

"Die schleichende Wandlung von einem wunderbarerweise live vom Fernsehen übertragenen Literaturwettbewerb zum Fernsehwettbewerb mit qualifiziertem Publikum im Studio ist bedauerlich und sollte nicht fortschreiten."

Genau in diese Richtung zielt auch die Kritik von jetzt.de , unter der Headline "Untergang mit Kameras". Sichtlich genervt ist man hier vom als geckenhaft empfunden Habitus' des Neo-Moderators Dieter Moor, der versuche, den Wettbewerb in eine zeitgemäße Fernsehtalkshow zu überführen. Weiterer Minuspunkt: die Halbierung der Plätze für das Live-Publikum:

"Eine weitere Auswirkung der neuen, fernsehgerechteren Maßnahmen zeigte sich im Raum der Veranstaltung, im Klagenfurter ORF-Theater: Es passen nur noch ungefähr die Hälfte der Zuschauer von früher hinein, weil der Bühnenraum vergrößert und die Publikumsreihen hexenkesselmäßig verengt worden sind."

Die taz ortet atmosphärische Veränderungen in Klagenfurt: Die Zuschauer seien, durch die neue Studio-Struktur, nur mehr Staffage für die Kameras. Die eingeladenen Autoren entfernt von unentdeckten Nachwuchshoffnungen, sondern vielmehr sich selbstbewusst in Szene setzende Schriftsteller, die bereits mit Verlagsverträgen in der Tasche die Reise nach Klagenfurt antreten. Ein Seitenhieb auch auf die "technische" Preisträgerermittlung:

"Auf dem neuesten technischen Stand – mit Touch Screens und Computerunterstützung – wurde das altehrwürdige Schacherspiel des Literaturbetriebs als Spannungsevent dargeboten. Falls jemand gedacht haben sollte, dass das ziemlich schräg und der hehren Literatur unangemessen sei: Das ist bei allen Jurys so! Nur eben nicht öffentlich. In dieser Hinsicht leistet Klagenfurt weiterhin geradezu Aufklärungsarbeit."

Viel Gefühl bei der Jury entdeckt die Hannoversche Allgemeine beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb. Jedoch: Über den zahlreichen Bekenntnissen der Juroren, sich in eine Figur, einen Text oder eine Passage "verliebt" zu haben, geriet die Diskussion zu brav.

"In diesem Jahr gab es zu viele zu konventionelle Texte und zu zahme Juroren bei einem Wettlesen, das zwischen Poeten-Casting und Literaturseminar schlingerte. Das sollte sich ändern – ähnlich wie der Blumenschmuck, den die Gewinner erhielten. Clemens J. Setz, der einen weißen Beerdigungsstrauß bekam, konnte einem richtig leid tun."

Keine einzige Autorin ist unter den fünf Ausgezeichneten stellt Die Presse fest und fragt:

"Alina Bronsky, Heike Geißler, Dagrun Hintze, Sudabeh Mohafez, Angelika Reitzer, Anette Selg haben nach ihren Lesungen ebenso Zustimmung und Widerspruch gefunden wie viele ihrer männlichen Kollegen. Trotzdem hat keine einen Preis ergattert. Ist es möglich, dass sich inzwischen mit Männern wieder eher "Stars generieren" lassen, wie der Neo-Moderator Dieter Moor in seiner Eröffnungsansprache formulierte?"


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