Heldengeflüster
abgelegt im Archiv Romane am 19.06.08

© BrianScott
Frisch abgestaubt: Adeles Backlist II
15 Interviews mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten haben die beiden Journalisten André Behr und Lars Reichhardt in den Jahren von 1998 bis 2001 für das Magazin der Süddeutschen Zeitung geführt.
Dabei ist ihnen 15 mal das Kunststück gelungen, ihren anspruchsvollen Gesprächspartnern so nahe zu kommen, dass man als Leser nicht nur wie selbstverständlich in deren komplexe Gedankenwelt eintaucht, sondern auch ganz nebenbei so manch versteckte Facetten ihrer Persönlichkeit hervorblitzen. Interviewt wurden der Erfinder der Wasserstoffbombe edward Teller ebenso wie der Schriftsteller Paul Theroux. Der unscheinbare Buchtitel: "Lauter, bitte".
Für den erfolgreichen Kinofilm "A Beautiful Mind" stand seine Lebensgeschichte Pate. Auf ein Gespräch mit dem realen Vorbild, dem an Schizophrenie erkrankten Mathematiker John F. Nash, hoffte das Filmteam jedoch vergebens. Ganz anders hingegen erging es André Behr und Lars Reichhardt, ihnen gewährte Nash im November 1998 in Princeton ein ausführliches Interview. Den Grund, warum er ausgerechnet die beiden Journalisten empfing, verriet er am Ende des Gesprächs: "Ich würde gern einmal nach Davos zum Wirtschaftsforum. Könnten Sie mir da nicht vielleicht helfen, an eine Einladung heranzukommen?"
Diese kleine Episode macht deutlich, wie eigenwillig und unterhaltsam die Gespräche waren, die André Behr und Lars Reichhardt führten. Nash plauderte beispielsweise recht offen über Schizophrenie, jene Erkrankung, die 25 Jahre seines Lebens dominiert hat. "Wer weiß schon, wie es mir ohne diese Krankheit ergangen wäre. Vielleicht wäre die Routine eines durchschnittlichen Professorendaseins viel schlimmer gewesen." Der Mathematiker Sir Roger Penrose gibt in seinem Interview, wenn auch zunächst zögernd, Auskunft über eine Copyrightverletzung, in der Toilettenpapier und ein mathematisches Muster von ihm die sprichwörtliche Hauptrolle spielen. Und der Reiseschriftsteller Paul Theroux, der schon mal gerne Interviews wegen zu vieler dummer Fragen der Journalisten abbricht, schien in diesem Fall nicht nur äußerst gern Rede und Antwort zu stehen, sondern gab auch unumwunden zu: "Das ist das ärgerliche am Schreiben, es dauert so lange."
Jedem der 15 Interviews ist eine kurze Einleitung vorangestellt. Hier erfährt der Leser mit wem er es auf den nächsten Seiten zu tun haben wird und das, ohne gelangweilt zu werden durch endlose Aneinanderreihungen von Zahlenkolonnen, die die wichtigsten Wegstationen des Interviewten markieren sollen oder langatmige Publikationslisten. Zudem wird auch das ein oder andere liebenswerte bis skurrile Detail erwähnt. Das Interview mit dem Chemiker Kary Mullis fand beispielsweise in dessen Wohnzimmer statt, inmitten von Orchideen, die der Nobelpreisträger genau dort züchtet. Beim Gespräch mit dem ehemaligen Schachweltmeister Anatoli Karpow in Monaco war dieser umgeben von befreundeten Briefmarkensammlern, denn die Philatelie ist jetzt seine große Leidenschaft.
Das Interview, welches dem Buch seinen Titel gab, ist hier nachzulesen.
Erschienen ist "Lauter bitte" von André Behr und Lars Reichhardt im Jahr 2001 bei "My favourite books", einem Verlag, der nur ein knappes Jahr später seine Geschäftstätigkeit wieder einstellen musste. Im Shop des Magazins Falter ist diese gehirnzellen-anregende Lektüre noch gelistet.

© BrianScott
Permalink: Heldengeflüster
Tags: André Behr Lars Reichhardt Lauter bitte Bücher Interviews Magazin Süddeutsche Zeitung Nobelpreist
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