Happy Birthday Ketschup!

Happy Birthday Ketschup!
© jelene

Seit einem Jahr, dem 1. August 2007, gilt in Deutschland die neue Rechtschreibreform. In Ã-sterreich läuft mit heutigem Tag die Übergangsfrist ab, in der Schweiz endet diese im kommenden Jahr.

Der Rechtschreibreform vorausgegangen war in den drei beteiligten Ländern, Deutschland, Österreich und der Schweiz, ein jahrzehntelanges Tauziehen, denn:

"Bereits am 1. Juli 1966 hatten sich Fachleute aus den drei Ländern, sowie aus Liechtenstein und den Staaten mit deutschsprachigen Minderheiten grundsätzlich auf das Projekt geeinigt. Kurz danach erhoben sich die ersten Stimmen des Protests gegen die Kommission." Quelle: Mitteldeutsche Zeitung

Als am 1. August 1998 die (1.) Rechtschreibreform schließlich in Kraft trat, sah zunächst, auch wenn die Neuschöpfung heftig kritisiert wurde, alles noch ganz gut aus. Es sollte eine siebenjährige Übergangsfrist gelten, in den Schulen wurde mit dem neuen Schuljahr auf das geänderte Regelwerk umgerüstet, es gab neue Lernbücher und auch in den Printmedien wurde ein Jahr später weitgehend "neu" geschrieben. Die FAZ pfiff jedoch im Jahr 2000 auf das mühsame Befolgen der Rechtschreibreform und kehrte, genauso wie weniger später SPIEGEL und Süddeutsche Zeitung zur alten Schreibweise zurück. Die Gegenfraktion gewann zusehends an Boden.

Zurück auf Los hieß es dann, 2004 wurde eine neue Institution gegründet, um die fortwährenden Streitigkeiten zu bereinigen, gleichzeitig stellte aber auch das Bundesverfassungsgericht klar: Ab dem 1. August 2005 würde die Reform, so wie geplant, verbindlich gelten.

Dass dann doch zwei Jahre später wieder neue Schulbücher gedruckt werden mussten, manche Schüler zum zweiten Mal mit einem neuen Reglement beglückt wurden, lag an den Änderungsvorschlägen, die im Februar 2006 vom Rat für deutsche Rechtschreibung beschlossen wurden.

Im Wesentlichen ging es um die Getrennt- und Zusammenschreibung, aber auch Silbentrennung und Zeichensetzung wurden nochmals re-reformiert. So richtig glücklich war zwar immer noch niemand, aber es kehrte zumindest ein wenig Ruhe an der Protest-Front ein und 2007 schwenken auch die einst abtrünnigen Printerzeugnisse auf den vorgegebenen Rechtschreibkurs ein. Und sollte es dem ein oder anderen bis 2006 Leid getan haben, sich von seinem Ketchup zugunsten von Ketschup verabschieden zu müssen, so braucht es ihm heute definitiv nicht mehr leidtun, denn beide Schreibweisen bleiben nun erlaubt.

Und natürlich gibt es zum "Jahrestag" 2008 auch eine Studie der Gesellschaft für Deutsche Sprache, die die Beziehung der Deutschen zu diesem Reformwerk nochmals genauer abklopft. Das wenig überraschende Ergebnis: Nach wie vor spricht sich die Mehrzahl (55 %) gegen die neue Rechtschreibung aus. Das sind jedoch 15 Prozent weniger als noch vor zehn Jahren. Und wagt man eine kleine Zukunftsprognose, wird im Jahr 2018 eine andere, derzeit bereits mit 31 % recht stattlich vertretene Gruppe die Mehrheit hinter sich vereinen: Nämlich diejenigen, denen schon jetzt das Theater um und die Reform an sich "völlig egal "ist.

Auf dem neuesten Reformstand?
Auf standard.at kann man seine re-reformierten Rechtschreibkenntnisse testen.



4 Kommentare zu „Happy Birthday Ketschup!“

  • Allerdings war gerade zu lesen, daß bestimmte Regelungen – gerade im Bereich der Eindeutschung von Fremdwörtern noch einmal überdacht werden sollten. Das zumindes äußerte der Vorsitzende der Kommission Zehetmaier. Quelle : http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/Rechtschreibreform;art122,2582233

    Ich selbst reklamiere für mich die Gnade des hohen Alters und wende die Orthographie der Siebziger weiterhin an. ;) LG tinius

  • Adele:

    … vielen Dank für den Link! Was für herrlich schräge Auswüche, sich vorzustellen, dass Politiker sich treffen, und um die Schreibweise ihrer Lieblingsworte schachern – und hinterher kennt man sich noch weniger aus, als vorher …
    In den Schulen sei übrigens seit Einführung der Rechtschreibreform die Fehlerquote noch einmal deutlich angestiegen, war auch zu lesen. Nimmt man dann noch all denjenigen dazu, die weiterhin mit ihrer 70er Jahre Schultüte in der Hand durch den Buchstabenwald stapfen (dazu gehöre ich selbstredend auch :-) ), wird man früher oder später das sich so munter entwickelte Sprachdickicht wohl wieder nur durch eine Neuübesetzung der Bibel entwirren können.

  • Habe ich schon erwähnt, daß ich die Rechtschreibreform als höheren Schwachsinn ansehe – als Konzeption und in ihrer Durchführung ? Da kombinieren sich die Intelligenz eines Klingeltons mit den Allmachtsphantasien deutscher Politiker und dem handwerklichen Geschick einer Karotte. und hinterher sind wir alle schni schna schnappie… *sfg* LG tinius

  • Adele:

    … im Standard vom vergangenen Freitag (http://www.standard.at) war eine recht gute Rückschau, wie es zu diesem verkorksten Endergebnis kommen konnte. Und siehe da: Die Vorgeschichte ist nicht minder vermurkst, so dass die Reform noch vor Setzung erster Meilensteine wie Portmonee & Co. wenig Chancen hatte, auf einen guten Weg gebracht zu werden.
    Unter diesem Link (http://www.canoo.net/services/GermanSpelling/Reform/ueberblick/index.html) kann man sich über alle Änderungen von 2006 informieren. Was ich nicht wusste: Auch Schikoree ist tatsächlich erlaubt… Schmackhaft oder gar essbar “sieht” das in jedem Fall für mich mal nicht aus.

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