Wer den Deutschunterricht beobachtet und sieht, welche Fähigkeiten Schüler in Aufsätzen entwickeln und welche ihnen fehlen, so bemerkt man bald: Sie lernen, Geschichten klug aufzubauen, sie plastisch zu schildern und interessant zu gestalten – soweit das Positive. Sie haben aber Schwierigkeiten, wenn es gilt, in eine Handlung spontan einzusteigen – und sie versagen kläglich, wenn es gilt, auch nur den Hauch von glaubwürdigen Gefühlen in ihre Aufsätze hineinzulegen.
Beide Elemente – Spontanität ebenso wie Emotion – entspringen in der Jugend dem unmittelbaren Erleben – erst in höherem Alter lernen wir zumeist, uns mit Gefühlen ausführlich auseinanderzusetzen und sie in der Tiefe zu schildern. Doch mir scheint, gerade für das spontane Erleben ist in der heutigen schulischen Schreibkultur kein Platz mehr – und genau genommen gab es noch nie einen Platz dafür in den engen Räumen, die der Schüler vorfindet, wenn er das Schreiben erlernt.
Der lebendige Alltag erweist sich bald als vollständig anders als seine literarische Umsetzung. Hat man in der Realität Magendrücken, Harndrang, Hautrötungen und Schweißausbrüche, wenn Gefühle im Spiel sind, so sind es im Aufsatz lachhafte Versatzstücke, die kaum über "ich hatte ein schlechtes Gefühl" hinausgehen.
Die Unsitte, "Gefühle zu haben", statt sie zu durchleben, durchzieht die gesamte Aufsatzschreiberei, was nicht einmal schlimm wäre – doch als schwerwiegend empfinde ich, wie wenig die Erwachsenen später ihre Gefühle im Alltag ausdrücken können.
Versagt die Schule in diesem Punkt? Was meinen Sie?