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Freimütige Bekenntnisse zur Trivialliteratur

abgelegt im Archiv Autoren & Verlage , Dies & das , Romane am 17.06.08

Freimütige Bekenntnisse zur Trivialliteratur
Eigentlich hat man es ja schon immer geahnt: Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die tagtäglich um die schönsten, klügsten und sinnstiftendsten Worte ringen, lesen auch nur wie ganz normale Menschen.

Von 'Neue Post' bis Ikea-Katalog: Die österreichische Literaturzeitung "Volltext" befragt deutschsprachige Literaten regelmäßig über ihre heimlichen Leselaster. Daniel Kehlmann, Julia franck, Zoë Jenny oder auch Thomas Glavinic gaben Auskunft. Unter dem Titel "Unwürdige Lektüren. Was Autoren heimlich lesen" ist 2008 eine Sammlung der so offenbarten Lieblingsdrucksachen als Buch erschienen.



Es ist die wohl beliebteste Seite der renommierten Literaturzeitung "Volltext". Ihr Titel "Unwürdige Lektüren". Alle zwei Monate teilen dort renommierte Autoren ihre geheimen Leselaster mit der Leserschaft und befinden sich dabei in bester Gesellschaft. Denn, so beruhigt der Klappentext des im März 2008 unter dem gleichnamigen Titel erschienenen Buches: Alles nur halb so schlimm, war doch beispielsweise Wittgenstein hoffnungslos dem amerikanischen Schundroman verfallen oder Kafka diskreter Abonnent einer erotischen Zeitschrift.

Thomas Glavinic lotet darüber hinaus im Vorwort die Eckpunkte des erlaubten Light & Seicht- Konsums aus:

"Jemand, der jeden Tag Groschenromane liest und abends seichte Unterhaltung im Fernsehen sieht, verblödet unter Garantie. Jemand, der sich die 'Sopranos' ansieht und die großen US- und lateinamerikanischen Autoren liest, darf mit Zuversicht hoffen, dass ihm das gelegentliche Durchblättern von Illustrierten nicht schadet."

Dermaßen gerüstet, blättert man zu Kapitel I und trifft auf Daniel Kehlmann und der hat sich als "Unwürdige Lektüre" niemand anderen vorgenommen als - Daniel Kehlmann. "Lesen Menschen, die Bücher publiziert haben, freiwillig darin? Und wenn nicht, warum?" fragt der Autor des Erfolgsromans "Die Vermessung der Welt" und unternimmt beherzt eine Selbstinspektion. Julia Franck ("Die Mittagsfrau") verschlingt nicht nur Artikel für Artikel die naturwissenschaftliche Seite der Tageszeitung, sondern schreckt, wenn es sich zufällig ergibt, auch vor fremden E-Mail-Accounts und Mobiltelefonen nicht zurück. Zoë Jenny ("Das Blütenstaubzimmer") outet sich als fasziniert von Horror-Fiction und gute Kennerin einschlägiger Stephen King-Wälzer. Annette Pehnt ("Mobbing") wiederum ist rettungslos dem IKEA-Katalog verfallen. "Ich gehöre zur Ikea family, anstatt die knapp bemessene Lebenszeit zu nutzen und endlich Kafkas kleinere Erzählungen zu lesen oder französische Literatur, von der ich so wenig weiß".

Genau solche Bekenntnisse machen das Buch so lesens- wie liebenswert: Denn wer kennt nicht jenes beklemmende Gefühl, wenn tonangebende Autoren im Feuilleton ihre prägenden Leseerlebnisse weithin erstrahlen lassen: Literarische Schwergewichte von größter, allergrößter und monumentalster Bedeutung werden dort stakkatoartig aufgezählt, lebensverändernde Begegnungen mit Büchern in jüngsten Lebensjahren beschrieben, um die man selbst bis jetzt, zwar stets mit schlechtem Gewissen, aber ebenso kontinuierlich einen großen Bogen gemacht hat... Und nun offenbaren sich jene Autorinnen und Autoren auch als ganz normale Leser. - Aber, weil Schreiben eben ihr Beruf ist, sind die so entstandenen Texte in den allermeisten Fällen ein besonderes Lesevergnügen und das "Warum" der Autor oder die Autorin zur "Unwürdigen Lektüre" greift, ist mindestens ebenso lesenswert. Oder hätten Sie gedacht, dass ein Intensiv-Studium der "Neuen Post" dem hehren Ziel geweiht sein kann, Schreibblockaden abzubauen?

Ein Lese-Beispiel der "Unwürdigen Lektüren": Alois Hotschnig liest Perry Rhodan und Gespenster-Krimis von Jason Dark.

Thomas Keul (Hgg.): Unwürdige Lektüren. Was Autoren heimlich lesen. SchirmerGraf Verlag, 2008.

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Tags: Bücher  Autoren  Unwürdige  Lektüren  Volltext  Was  Autoren  heimlich  lesen 

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