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Der Alltag ein lauerndes Monster

abgelegt im Archiv Sachbücher am 28.09.08

Der Alltag ein lauerndes Monster
Noch besser, noch effektiver, noch zeitsparender, noch wertschöpfender, noch ...:
Während die Aufgabenfülle permanent zunimmt, droht der Einzelne im undurchdringlichen Dickicht miteinander konkurrierender geschäftlicher und privater Aufgaben den Überblick zu verlieren und an Leistungsfähigkeit einzubüßen. Nach demüTiger Einsicht der bisherigen, leider nur mit einem schwach mangelhaft zu bewertenden Alltagstauglichkeit, naht vielfältige theoretische Rettung: Beispielsweise mit rigidem Selbstmanagement ließen sich all diese Dinge endlich in den Griff bekommen, im einmütig-beständigen Streben nach Vollkommenheit, Perfektion und Erledigung aller Aufgaben mit der nimmermüden Energie des dauertrommelnden und Steilhänge erklimmenden Batterie-Hasen.

STOP?
Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem Sachbuch, das den überbordenden Alltag nicht mit restrukturierenden Listen regelt, die bei Befolgung mit noch höherer Effizienz, einem noch schnelleren Schritt-Tempo, und das im besten Fall 24 Stunden am Tag belohnen, sondern, ein Buch, dessen Kernthese lautet:

"Alles Machbare lässt sich aufschieben, sogar das Unumgängliche kann man getrost unterlassen. [...] Denn wer ständig alles gibt, hat im entscheidenden Moment nichts mehr draufzulegen", schreibt Peter Felixberger in der aktuellen Ausgabe von brandeins über diesen (un)sachlichen via Buch erfolgenden Aufruf zur Disziplinlosigkeit



... und der stammt von Kathrin Passig und Sascha Lobo. Der Sachbuch-Titel wildert zunächst im großspurig-(un)spektakulärem Zeitgeist-Sprech: "Dinge geregelt kriegen" wäre da nicht, dieser hingekritzelte Zusatz "- ohne einen Funken Selbstdisziplin".

Geschrieben hätten sie das Buch "aus Notwehr" lassen Passig/Lobo in ihrem Blog zum Buch wissen: "Wir wollen den vielen Menschen eine Stimme sein, die zwischen den verhärteten Fronten der überfleißigen Arbeitstiere und der allesablehnenden Faulenzer leben" [...]Wir wollen eine andere Lösung unserer Probleme. Wir kommen mit vielem nicht zurecht, wollen deshalb aber nicht darauf verzichten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wir möchten keine kräftezehrenden Tricks lernen, wie man sich in das enge, kantige Korsett von Konventionen zwischen Arbeit und Amt hineinpressen kann."

"Prokrastination" ist der gedrexelte Fachbegriff für die, laut Statistiken besonders unter Studenten weit verbreitete, negativ konnotierte "Aufschieberitis". Bei Passig und Lobo wird daraus z. B. ein relaxtes Kapitel wie "Liegen und liegen lassen". Man bediene sich, so heißt es im Blog zum Buch, des chinesischen "Wu Wei - Handeln durch Nichthandeln". Denn: Für alles Tun gebe es den richtigen Zeitpunkt. "Ist er erreicht, geht alles wie von allein von der Hand, mithin mühelos und Freude bereitend. Den weisen Warteweg bis dahin mögen Unwissende als 'Faulheit' bezeichnen. Wir Prokrastinisten hingegen, Laien des Daoismus, aber doch offen für fernöstliche Weisheit, ahnen, dass nicht nur bei Früchten, sondern auch bei Dingen, Aufgaben, Prozessen ein Reifeprozess von Nöten ist, der nur von aussen für den Kenntnisarmen aussieht wie Untätigkeit."

Wenn schon die Dinge liegen lassen - dann aber richtig. Das gefällt mir. Und die müßige Zeit der Reife bis zum richtigen Augenblick zum Beispiel mit dem Lesen dieses Buches zu verbringen: Dieser Form der lebens-tagefüllenden Wartezeit kann ich durchaus eine Menge abgewinnen, vorausgesetzt natürlich, es kommt mir nichts anderes, ebenso undringendes dazwischen.

Aufmerksam auf dieses Buch wurde ich durch den Namen Kathrin Passig. 2006 gewann sie den Ingeborg Bachmann- und zugleich den Publikumspreis mit ihrem literarischen Debüt, der Erzählung "Sie befinden sich hier".

"Wir haben eine sehr gute deutsche Schriftstellerin entdeckt" (FAZ)
frohlockte damals Juror Heinrich Detering. Dass Kathrin Passig schreiben kann, war für die Bachmann-Jury eine Entdeckung. Menschen im Web, Zeitungs- und Sachbuchlesern war die ebenso kluge wie witzige Autorin schon ein wenig länger bekannt.

Kathrin Passig hatte eine Kolumne in der taz, ist Co-Autorin bei Sachbüchern ("Lexikon des Unwissens") und übersetzte die Memoiren Bob Dylans. Die Webentwicklerin und Programmiererin ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Berliner "Zentrale Intelligenz Agentur" (ZIA), deren Blog "Riesenmaschine" wurde 2006 mit dem "Grimme-Online-Award" ausgezeichnet.

Kathrin Passig/Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin. Rowohlt 2008. Erscheint am 6.10.

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Tags: Kathrin  Passig  Sascha  Lobo  Prokrastination  Dinge  geregelt  kriegen  Selbstmanagement 

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