Darf er das?
abgelegt im Archiv Autoren & Verlage am 28.08.08

© piX1966
Wenn die Longlist für den "Deutschen Buchpreis" veröffentlich wird, so will es das Ritual seit der erstmaligen Verkündung im Jahr 2005, muss die siebenköpfige Jury öffentlich nachsitzen: Warum genau jenes Buch berücksichtigt wurde und Autor xy auch in diesem Jahr wieder schmählich übergangen worden ist, bildet die Auswahl der 20 Titel wirklich die "Besten" eines Jahres ab, sollen nicht vielleicht die verdienten "Granden" von der Nominierung für diesen Preis ausgenommen werden, damit der Nachwuchs hier einmal mehr zum Zuge kommt ...
Am 21. August, also einen Tag nach der offiziellen Verkündung der Longlist, erschien nun im Börsenblatt unter dem Titel "Tristesse an der Tankstelle" eine kritische Vorschau auf das aktuelle Herbstprogramm der Verlage. Aufhänger des Textes, ein vermeintlich neuer Literatur-Trend:
"[...] diese Büchersaison steht ganz im Zeichen der rapide steigenden Benzinpreise und der neu erwachten Furcht vor Immobilität. Die Literatur hat, schneller als gedacht, die Hand am Puls der Zeit und zeigt uns schonungslos die Plätze, an denen sich die wahren Gegenwartsdramen abspielen: die Tankstellen."
Als Beleg dafür werden Karin Duves "Taxi", Ingos Schulzes "Adam und Evelyn" aber auch Karl-Heinz Otts "Ob wir wollen oder nicht" herangezogen. Werke, die, so legt der Text nahe, alle früher oder später an einer Zapfsäule (ver)enden - und eben auch auf der diesjährigen Longlist zu finden sind.
Das Fazit des Autors:
"So trübselig sieht es aus in der deutschen Literatur. Fehlt nur noch, dass die Schutzumschläge mit Edward-Hopper-Bildern illustriert werden, mit diesen einsamen Gestalten, die melancholisch auf Zapfsäulen starren, ohne zu merken, dass hier schon lange kein Super mehr fließt. Das sind die Zeichen der Zeit, egal, was »Der Spiegel« oder sonstwer demnächst schreibt."
Der dies schreibt ist Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg - und in diesem Jahr Vorsitzender der Jury, die sich für die Longlist des "Deutschen Buchpreises" durch 161 Werke gefräst und schlussendlich in einem ersten Kraftakt 20 Anwärter für den "besten deutschsprachigen Roman" dieses Jahres ausgewählt hat. Und genau einer aus diesem erlauchten Zirkel macht sich nun über eine Teilauswahl der Longlist so unverhohlen lustig.
Darf er das? Diese Frage wird nun landauf landab erörtert. In erster Linie scheint man sich über den Text zu empören - über ihn gelacht wird bedeutend seltener.
Schade eigentlich, schreibt doch mit Rainer Moritz zunächst einmal ein versierter Literaturexperte über SEIN Fachgebiet, bzw. unterzieht einen zeitgenössischen Ausschnitt daraus einer subjektiven Inspektion. Aber, so wirft man ihm vor, er als Jurymitglied dürfe sich doch in keinster Weise so despektierlich über die - auch von ihm mitzuverantwortenden - mit einer Longlist-Nominierung geadelten Titel äußern. Aber natürlich darf er das, so lange es noch die erlesene Kunstform der Ironie gibt. Und die kann ein Schreiber beherrschen, so wie Rainer Moritz es tut. Und genauso kann Ironie als solche auch von der Gegenseite erkannt werden, aber dieses muss eben nicht muss zwangsläufig so sein.
Rezensionen, in denen (nicht nur ) die Longlist-Titel mit dem eigens für das Feuilleton erfundenen Vokabular samt metaphorischer Höhenfluge besprochen werden, gibt bzw. wird noch zu Genüge geben. Da ist es doch eine äußerst erfrischende Abwechslung, nähert man sich Literatur in einem Text zur Abwechslung einmal ganz anders, wenn auch zugegebenermaßen mit eingeschränkten Erkenntnismöglichkeiten an: nämlich lesbar und unterhaltsam.
Gerhard Beckmann, BuchMarkt, zitiert "zum schweren Kulissendonner" den Moritz' Text ausgelöst und bis hin zu Rücktrittsforderungen als Juryvorsitzender geführt hat, das Fazit eines Zürcher Psychotherapeuten und Autors nach Studium von "Tristesse an der Tankstelle": "Das ist lustig. Die Deutschen haben's eben, wie die Schweizer, nicht mit der Ironie."

© piX1966
Permalink: Darf er das?
Tags: Deutscher Buchpreis Longlist Rainer Moritz Tristesse an der Tankstelle
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