Abgehängt

Abgehängt

"Sie sind draußen. Für Sie ist diese Welt nicht mehr gedacht. Sie sind Teil eines Heeres von Ausgesonderten, die die Welt nicht mehr verstehen, weil die Welt nicht mehr ein von Gott erschaffenes Gebilde ist, sondern ein von Technokraten und Politikern gestaltetes."
Jan Weiler "Drachensaat"

Bernhard Schade, Rita Bauernfeind, Ünal Yilmaz, Arnold März und Benno Tiggelkamp – 5 gescheiterte Existenzen bekommen noch einmal eine Chance: Dr. Heinrich Zens hat sie ausgewählt, um ihnen in der Villa Unruh eine Exlusiv-Therapie zuteil werden zu lassen, an deren Schlusspunkt eine gesellschaftliche Rehabilitation der fünf Psychiatrie-Patienten stehen soll. Doch in Jan Weilers neuem Roman "Drachensaat" ist nichts so wie es zunächst scheint…

Bernhard Schade war einmal sehr erfolgreich. Allerdings ist das Jahre her. Der einst gut verdienende Architekt und jetzt Hartz IV-Empfänger inszeniert als letzten kultiviert-verzweifelten Akt seinen Selbstmord bei den Bayreuther Festspielen. Der Versuch misslingt und nicht nur das, man hält ihn für einen gefährlichen Attentäter. Schade wird in die Psychiatrie eingewiesen. Endstation? Nein, denn er wird, gemeinsam mit vier anderen Psychiatrie-Patienten, in die Villa Unruh von Dr. Heiner Zens überstellt. Der Psychiater ist überzeugt, dass seine fünf Schützlinge unter einer bisher noch nicht entdeckten Zivilisationskrankheit leiden. Einzeltherapie, Gruppengespräche: Jeder der fünf Patienten offenbart im Laufe der Sitzungen Stück für Stück sein individuelles Scheitern in und an der Gesellschaft "da draußen". Nicht nur das lässt die Outsider-Gemeinschaft rasch zusammen wachsen. Kurz vor dem von Zens geplanten Therapie-Finale nehmen die Geschehnisse in der Villa Unruh jedoch eine ganz andere Richtung und die Patienten ihre Therapie selbst in die Hand.

Warum man aus dem "normalen" Leben rauskippen und sich plötzlich am Rand der Gesellschaft wieder finden kann: Autor Jan Weiler hat in seinem neuen Roman fünf Fallbeispiele versammelt. Vom egozentrischen Akademiker über die dicke Büroangestellte, den ständig prozessierenden Busfahrer, den über-überängstlichen Postboten bis hin zum einfach gestrickten Rentner. Sie alle haben es nicht geschafft, keine Arbeit, von der Umwelt als verrückt abgestempelt, sozial isoliert. Deren verkrachte Lebensläufe zeichnet Jan Weiler gekonnt nach, ebenso ihr verzweifeltes Bemühen von dieser Gesellschaft wieder wahr- und auch ernst genommen zu werden.

Jan Weiler gelang mit seinem ersten Roman "Maria ihm schmeckt's nicht" sogleich ein Bestseller. Mit "Antonio im Wunderland" legte er einen zweiten, nicht weniger erfolgreichen Band nach, in dem er dem ebenso liebenswerten wie eigenwilligen Italiener Antonio Marcipane, Dreh- und Angelpunkt seines Debütromans, eine Fortsetzung gönnte. Beide Bücher sind locker und amüsant geschrieben und wurden wohl nicht selten deshalb als "leichter Urlaubs-Lese-Tipp" gehandelt und auch verkauft.

Wer mit diesen Erwartungen an den neuen Roman von Jan Weiler herangeht, wird enttäuscht. Situationskomik findet sich zwar auch in "Drachensaat" und mit Benno Tiggelkamp tritt zudem ein waschechter Akteur aus den Antonio-Romanen in "Drachensaat" auf, jedoch hat Weiler hier das Urlaubslektüren-Genre verlassen und wirft vielmehr nicht nur einen kritischen Blick auf die wachsende Zahl der "Abgehängten", sondern auch auf diejenigen, die mit Millionengagen über Massenentlassungen entscheiden. Weiler lässt diese beiden entgegen gesetzten Pole in einem ungleichen Duell aufeinander treffen. Dabei wechselt er geschickt die Erzählhaltung und entfernt sich so im Lauf der Geschichte immer weiter von seinen Figuren, bis aus der Innenschau, dem geschützten Hort der Villa Unruh, eine Medienschau, die selbst gewählte Öffentlichkeit wird. Die fünf Psychiatrie-Patienten müssen schlussendlich, kommentiert durch fiktive Zeitungsausschnitte, die Konsequenzen ihrer "Drachensaat", jeder erneut auf sich allein gestellt, tragen.

Jan Weiler: Drachensaat, Kindler 2008.

Eine Leseprobe findet sich bei Libri.de


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